Ursula Mukarker ist Psychologin und Traumatherapeutin (zptn). Seit 2011 leitet sie unsere Partnerorganisation Wings of Hope for Trauma Care in Bethlehem. Im Interview erzählt sie, was die anhaltende Bedrohung mit der seelischen Gesundheit der Menschen macht und warum Traumatherapie unter diesen Bedingungen besondere Herausforderungen mit sich bringt.

Wenn du auf die aktuelle Situation in deiner Stadt Bethlehem schaust: Wie wirkt sich das, was die Menschen dort gerade erleben, auf ihre psychische Gesundheit und ihren Alltag aus?

Wenn ich die aktuelle Situation in Bethlehem betrachte, wird deutlich, dass viele Menschen weiterhin mit den Folgen der schwierigen Erfahrungen leben. Auch wenn nicht jeden Tag ein dramatisches Ereignis direkt vor ihnen stattfindet, bleibt eine ständige Unsicherheit bestehen. Die Menschen machen sich Sorgen um ihre Familien, ihre Arbeit, ihre finanzielle Situation, ihre Bewegungsfreiheit und darum, was morgen passieren wird.

Das wirkt sich sehr direkt auf den Alltag aus. Menschen schlafen schlechter, können sich weniger konzentrieren, sind schneller gereizt oder ziehen sich zurück. Manche verlieren die Freude an Dingen, die ihnen früher wichtig waren. Bei Kindern zeigt sich die Belastung oft eher im Verhalten als in Worten. Und bei vielen Menschen spüren wir vor allem eine tiefe Erschöpfung.

Für mich beschreibt der Begriff „ongoing trauma“ (fortdauerndes Trauma) unter anderem diese Situation sehr treffend. Bei einem abgeschlossenen traumatischen Ereignis gibt es normalerweise ein klares „Damals“ und „Heute“. Etwas Schlimmes ist passiert, aber irgendwann ist die unmittelbare Gefahr vorbei und der Mensch kann beginnen, das Erlebte zu verarbeiten.

Bei einem fortdauernden Trauma wie im Fall, über einen langen Zeitraum unter Besatzung und anhaltender Unsicherheit zu leben, ist diese Trennung viel schwieriger. Die äußeren Bedingungen verändern sich nicht grundlegend und das Nervensystem bekommt immer wieder Signale, die sagen: „Ich bin noch nicht wirklich sicher.“ Auch wenn in einem bestimmten Moment nichts Dramatisches passiert, kann die anhaltende Unsicherheit den Menschen in einem Zustand von Wachsamkeit, Anspannung und innerer Alarmbereitschaft halten.

Deshalb können Reaktionen wie Angst, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Konzentrationsschwierigkeiten nicht immer als Zeichen einer psychischen Störung verstanden werden. Sie können auch verständliche Reaktionen auf eine Lebenssituation sein, in der die Bedrohung und Unsicherheit weiterhin bestehen.
Deshalb müssen wir auch vorsichtig sein, nicht jede Reaktion sofort als psychische Störung zu betrachten. Die genannten Symptome können unter solchen Bedingungen verständliche Reaktionen auf eine tatsächlich unsichere Lebenssituation sein.

Wie kann Traumatherapie unter Bedingungen stattfinden, in denen die belastende oder traumatisierende Situation weiterhin besteht? Wenn die äußeren Bedingungen sich nicht verändern und die Bedrohung weiterbesteht: Was kann Therapie dann überhaupt leisten?

Das ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Fragen in unserer therapeutischen Arbeit.

Wenn die äußeren Bedingungen weiterhin unsicher oder bedrohlich sind, kann Therapie keine Sicherheit schaffen, die außerhalb des Therapieraums nicht vorhanden ist. Wir können den Menschen nicht versprechen, dass nichts Schlimmes passieren wird. Und wir können ein Trauma nicht einfach so behandeln, als würde es ausschließlich der Vergangenheit angehören, wenn die Person weiterhin mit Unsicherheit und Angst lebt. In Situationen anhaltender Gewalt und Unsicherheit können Therapeut:innen nicht einfach sagen: „Jetzt sind Sie sicher.“ Stattdessen helfen sie den Menschen zu unterscheiden, was gerade eine reale Gefahr ist und was eine Reaktion des Körpers auf anhaltenden Stress sein kann. Dabei wird auch anerkannt, dass Unsicherheit für viele zum Alltag gehört.

Deshalb geht es manchmal zunächst gar nicht um eine intensive Verarbeitung des Traumas, sondern um Stabilisierung. Wir fragen uns: Was hilft dieser Person, durch den Tag zu kommen? Was hilft ihr, ihr Nervensystem zu regulieren? Welche Ressourcen hat sie? Wer kann sie unterstützen? Wie kann sie wieder ein kleines Gefühl von Kontrolle entwickeln? Wie kann sie für sich und ihre Kinder sorgen, schlafen, atmen, sich mit anderen verbinden und ihren Alltag weiterführen? Das klingt vielleicht einfach, aber unter solchen Bedingungen ist es sehr wichtig.

Wir versuchen auch, den Menschen wieder ein Gefühl von Handlungsspielraum zu geben. Wir können die politische oder gesellschaftliche Situation nicht verändern und die Unsicherheit nicht einfach wegnehmen. Aber wir können Menschen dabei unterstützen, wieder zu spüren: „Es gibt Dinge, die ich beeinflussen kann. Ich kann noch Entscheidungen treffen. Ich bin nicht völlig hilflos.“

Klassische traumatherapeutische Methoden können weiterhin sehr hilfreich sein. Aber wir müssen sehr genau schauen, wann und für wen sie sinnvoll sind. Manchmal ist eine Traumaverarbeitung möglich. Manchmal ist sie zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige. Dann stehen Stabilisierung, Erdung, soziale Unterstützung, Beziehungen und praktische Bewältigungsstrategien im Vordergrund.

Für mich bedeutet Therapie unter solchen Bedingungen deshalb nicht nur, die Vergangenheit zu verarbeiten. Es bedeutet auch, Menschen dabei zu helfen, psychisch lebendig, verbunden und handlungsfähig zu bleiben, während sie in einer schwierigen Gegenwart leben.

Was macht diese Situation mit dir und dem therapeutischen Team selbst?

Das wird oft vergessen, wenn wir über Trauma sprechen: Auch Therapeut:innen sind Menschen und leben in derselben Umgebung. Wir arbeiten nicht aus einer sicheren Distanz heraus. Wir leben in derselben Gesellschaft, hören dieselben Nachrichten, haben unsere eigenen Familien, Sorgen und Ängste und erleben teilweise dieselbe Unsicherheit wie die Menschen, die zu uns kommen.

Natürlich wirkt sich das auch auf unser Team aus. Wir können müde, emotional erschöpft oder manchmal auch innerlich abgestumpft sein. Es gibt Tage, an denen man einer weiteren sehr schmerzhaften Geschichte zuhört und sich fragt: „Wie viel können Menschen eigentlich noch tragen?“

Besonders herausfordernd kann es sein, wenn die Geschichten, die wir hören, den eigenen Erfahrungen oder früheren belastenden Erlebnissen sehr ähnlich sind. Dadurch können bei Traumatherapeut:innen eigene Gefühle und Erinnerungen ausgelöst werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass man sich so sehr an schwierige Situationen gewöhnt, dass man gar nicht mehr merkt, wie sehr sie einen selbst belasten.

Deshalb ist Selbstfürsorge für Therapeut:innen keine zusätzliche Sache und auch kein Luxus. Supervision, gegenseitige Unterstützung, Austausch im Team und Räume, in denen wir ehrlich über unsere eigenen Gefühle sprechen können, sind unbedingt notwendig. Wir müssen sagen können: „Heute war das auch für mich schwer.“ Das macht uns nicht weniger professionell. Im Gegenteil, es hilft uns, unsere Arbeit langfristig verantwortungsvoll machen zu können.

Was uns sehr hilft, ist das Team selbst. Wir unterstützen uns gegenseitig, teilen unsere Erfahrungen, lachen manchmal auch miteinander und erinnern uns daran, dass wir nicht alles lösen können. Wir können Menschen begleiten, aber wir können nicht das gesamte Leid einer Gesellschaft auf unseren Schultern tragen.

Was wünschst du dir von Menschen, die von außen auf eure Situation schauen? Wie kann man euch unterstützen?

Ich wünsche mir, dass Menschen außerhalb von Bethlehem verstehen, dass Palästinenser:innen nicht nur Statistiken, Zahlen oder Geschichten über Konflikte sind. Sie sind Eltern, die ihre Kinder schützen möchten. Junge Menschen, die studieren und eine Zukunft aufbauen möchten. Menschen, die arbeiten, lieben, lachen, feiern, Pläne machen und einfach ein normales Leben führen möchten.

Wenn Menschen unter solchen Bedingungen psychische Schwierigkeiten entwickeln, sollten wir deshalb nicht nur fragen: „Was stimmt mit dieser Person nicht?“ Wir müssen auch fragen: „Was hat diese Person erlebt? Und unter welchen Bedingungen muss sie leben?“

Ich wünsche mir auch, dass verstanden wird, dass Traumaarbeit an einem Ort wie Bethlehem mehr braucht als therapeutische Methoden. Sie braucht Geduld, Flexibilität, kulturelles Verständnis und vor allem eine langfristige Unterstützung. Wir brauchen nicht nur finanzielle Unterstützung für einzelne Projekte. Wir brauchen nachhaltige Unterstützung für lokale Fachkräfte, Supervision und Fortbildungen, sichere Räume für Kinder und Erwachsene und Möglichkeiten für unsere Teams, sich selbst zu erholen.

Wir sind überzeugt, dass nachhaltige psychosoziale Unterstützung dort ansetzen muss, wo die Menschen leben und arbeiten, und dass lokale Fachkräfte dabei eine zentrale Rolle spielen. Wir kennen unsere Gemeinschaften. Wir kennen die Familien, die Kultur und die Realität, in der die Menschen leben. Internationale Unterstützung ist sehr wertvoll aber am wirkungsvollsten ist sie dann, wenn sie die lokalen Strukturen stärkt und nicht ersetzt.

Für mich bedeutet Hoffnung weiterhin Räume zu schaffen, in denen Menschen sich als Menschen fühlen können, verbunden, gesehen und handlungsfähig, auch wenn die äußeren Bedingungen sehr schwierig sind.

Möchten Sie die Arbeit von Ursula Mukarker und ihrem Team unterstützen? Dann freuen wir uns über jede Form der Hilfe – sei es durch Spenden oder einfach dadurch, dass Sie ihre Geschichte weitererzählen.

Das Interview führte Friederike Regel.