
Wie können Menschen nach traumatischen Erfahrungen wieder Sicherheit finden und neue Hoffnung schöpfen? Mit dieser Frage beschäftigten sich 21 Teilnehmende aus Liberia in einem zehntägigen Seminar zur Psychotraumatologie. „Wir behandeln nicht nur Symptome, sondern stellen Hoffnung wieder her. Das Seminar ist eine Gelegenheit, zu einem Werkzeug für Gottes Liebe und Mitgefühl zu werden“, sagte Arthur, einer der Teilnehmer, in der morgendlichen von der Gruppe gestalteten Andacht.
Vom 28. Juni bis zum 8. Juli 2026 führten wir in Partnerschaft mit dem „Trauma Healing and Reconciliation Program“ der Lutherischen Kirche Liberias das Seminar „Stabilisierung und ressourcenorientierte Arbeit: Eine Einführung in die Psychotraumatologie“ durch. Gemeinsam arbeiteten wir daran, zu verstehen, welche Folgen Trauma und Gewalt für Einzelne und für die Gesellschaft haben können und wie man Betroffenen erklären kann, womit ihre Schwierigkeiten zusammenhängen.
Traumaarbeit, die Verbindungen schafft
Bis heute ist Liberia von den Folgen des Bürgerkriegs geprägt, der tiefe Wunden in vielen Gemeinschaften hinterlassen hat. Misstrauen, zerbrochene soziale Beziehungen und ungelöste traumatische Erfahrungen wirken bis in die Gegenwart fort. Die Lutherische Kirche Liberias hat sich seit über 20 Jahren die Heilung von Traumata zur Aufgabe gemacht. „Traumatische Erfahrungen können Menschen und Gemeinschaften voneinander trennen. Unsere Arbeit hilft dabei, diese Verbindungen wieder aufzubauen“, sagt Philip Nushann Jr., der Leiter der Traumaarbeit.
Dieser Gedanke prägt die Arbeit des Teams: Es organisiert lokale Dialogprozesse, bei denen möglichst viele unterschiedliche Akteure einer Gemeinschaft zusammenkommen. Gemeinsam werden Probleme identifiziert und Lösungen entwickelt, um Vertrauen und sozialen Zusammenhalt wieder aufzubauen.
Darüber hinaus unterstützt das Team Menschen an sozialen Brennpunkten und in Gefängnissen. Eine besondere Herausforderung in Liberia ist derzeit der zunehmende Drogenkonsum, vor allem unter jungen Männern. Das Team hat deshalb einen Schwerpunkt in der Rehabilitation von Drogenabhängigen mit dem Ziel, diese wieder in die Gemeinschaft zu integrieren.
Stabilität finden und Ressourcen stärken
Auch im Seminar ging es darum, Wissen weiterzugeben und neue Möglichkeiten für die Arbeit mit traumatisierten Menschen zu entwickeln. Die Teilnehmenden lernten Methoden der Psychoedukation kennen und entwickelten selbst Lieder, Geschichten und kleine Theaterstücke, um dieses Wissen in ihren jeweiligen Kontexten weiterzugeben.
Im Mittelpunkt des Seminars standen Methoden zur Stabilisierung. Dazu gehörten unter anderem Imaginationsübungen zur Entwicklung positiver innerer Bilder sowie die Aktivierung von stärkenden Lebenserfahrungen und eines damit verbundenen positiven Selbstbildes. Die Teilnehmenden erprobten alle Methoden zunächst für sich selbst und reflektierten anschließend, wie sie diese in ihrer Arbeit mit traumatisierten Menschen einsetzen können.
„Schon allein, dass ich mir selbst sage: Ich bin schön, stark und geliebt, verändert etwas an der Art und Weise, wie ich mich selbst sehe“, sagte eine Teilnehmerin nach einer Übung mit stärkenden Gedanken.
Viele Teilnehmenden erzählten auch von ihren eigenen schwierigen Lebensgeschichten. „Ich bin in Armut und ohne Eltern aufgewachsen. Es gab keinen sicheren Ort für mich. Inzwischen habe ich mir ein eigenes Leben aufgebaut. Das Bild von meinem Baum, das ich in der Imaginationsübung entwickelt habe, gibt mir Sicherheit und Trost.“
Gemeinschaft als Quelle von Sicherheit
In dem Wissen, dass Selbstfürsorge und das Erleben von Gemeinschaft wichtige Faktoren in der Traumaarbeit sind, unternahmen wir einen Gruppenausflug in ein Naturresort, um ein positives Lebensereignis zu schaffen. Durch den persönlichen Austausch und das gemeinsame Üben wurden auch die Verbindungen untereinander gestärkt.
„Ich wünsche mir, dass wir auch in Zukunft füreinander da sind und eine Atmosphäre der Sicherheit schaffen, in der sich jede und jeder zugehörig fühlt“, sagte eine Teilnehmerin in der Abschlussrunde.
Wir nehmen viele inspirierende Eindrücke und Erfahrungen aus Liberia für unsere Arbeit mit. Besonders der Blick auf die Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft ist etwas, von dem wir noch viel lernen können. Die Idee, Philip Nushann als Referenten zu einem Seminar nach Deutschland einzuladen, werden wir weiterverfolgen.
Julia Borchardt, Projektkoordination Ukraine und Martina Bock, Geschäftsführung und Projektmanagement Ausland








